Gemeinsam gegen Antisemitismus in Bildung und Kultur
Antisemitismus ist keine Ideologie unter vielen. Aufgrund seiner tiefen gesellschaftlichen Verwurzelung, seiner jahrhundertelangen Tradierung und seiner außergewöhnlichen Wandlungsfähigkeit stellt er ein einzigartiges Welterklärungssystem dar. Nach 1945 war offener Antisemitismus in vielen gesellschaftlichen Kontexten weitgehend tabuisiert und äußerte sich häufig in verschlüsselten oder indirekten Formen. In den vergangenen Jahren tritt er jedoch zunehmend offen zutage – in politischen Debatten, auf Demonstrationen, in Bildungseinrichtungen, im Kulturbetrieb, im Alltag und im digitalen Raum.
Spätestens seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Ereignissen ist weltweit ein massiver Anstieg antisemitischer Vorfälle zu beobachten. Jüdisches Leben sieht sich vielerorts mit Bedrohungen, Anfeindungen und Ausgrenzung konfrontiert. Antisemitische Narrative verbreiten sich sowohl im öffentlichen Raum als auch über soziale Medien und digitale Plattformen mit hoher Geschwindigkeit und erreichen ein Ausmaß, das weit über nationale Grenzen hinausgeht.
Das Internet spielt dabei eine bedeutende Rolle als Verstärker antisemitischer Inhalte. Forschungsergebnisse zeigen, dass soziale Medien und digitale Kommunikationsräume wesentlich zur schnellen und nahezu grenzenlosen Verbreitung antisemitischer Narrative beitragen. Gleichzeitig ist Antisemitismus kein ausschließlich digitales Phänomen. Er zeigt sich ebenso in Schulen, Hochschulen, Vereinen, politischen Bewegungen, Kulturinstitutionen und im gesellschaftlichen Alltag und wirkt sich unmittelbar auf die Lebensrealität jüdischer Menschen aus.
Vor diesem Hintergrund verfolgt das Projekt „World Wide Antisemitismus – Gemeinsam gegen Antisemitismus in Bildung und Kultur“ das Ziel, antisemitismuskritische Perspektiven nachhaltig in pädagogischen und kulturellen Handlungsfeldern zu verankern. Im Mittelpunkt stehen die kontinuierliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Schule, Sozialer Arbeit und Kultur sowie die Entwicklung langfristiger Strategien für einen professionellen und diskriminierungssensiblen Umgang mit antisemitischen Vorfällen.
Ein zentraler Bestandteil des Projekts sind antisemitismuskritische Fortbildungen für Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen sowie weitere pädagogische Fachkräfte. Die Inhalte greifen aktuelle Herausforderungen nach dem 7. Oktober 2023 auf und beschäftigen sich unter anderem mit israelbezogenem Antisemitismus, Verschwörungserzählungen, digitalen Dynamiken sowie Konfliktlagen im schulischen Alltag. Die Fortbildungen werden kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt. Ergänzend wird die bestehende Handreichung „Antisemitismuskritische Bildungsarbeit nach dem 7. Oktober“ fortlaufend aktualisiert und über ein wachsendes Netzwerk von Multiplikatorinnen verbreitet.
Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Entwicklung eines innovativen Konzepts zur Antisemitismusprävention in Kulturinstitutionen. Gemeinsam mit Kulturpartnern werden bestehende Strukturen analysiert, Bedarfe erhoben und praxisnahe Konzepte entwickelt, die sowohl institutionelle Rahmenbedingungen als auch Bildungsangebote und Beratungsformate berücksichtigen. Die Pilotierung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Schlachthof Wiesbaden sowie weiteren Kultureinrichtungen und wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet.
Darüber hinaus richtet sich das Projekt mit Fortbildungen und Beratungsangeboten gezielt an Mitarbeitende aus Kulturinstitutionen, sozialen Einrichtungen und der Jugendarbeit. Anhand konkreter Fallbeispiele werden Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit antisemitischen Vorfällen erarbeitet und institutionelle Strategien zur Prävention entwickelt.
Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse werden fortlaufend dokumentiert und in einer praxisorientierten Publikation gebündelt. Sie soll Fachkräften aus Bildung und Kultur als Arbeits- und Reflexionsgrundlage dienen und den Transfer erfolgreicher Konzepte in weitere Einrichtungen unterstützen.
Begleitend werden bestehende Kooperationen mit Schulen, Hochschulen, Kulturinstitutionen, Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen ausgebaut. Durch die Teilnahme an Fachveranstaltungen, die Mitarbeit in Netzwerken sowie eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit trägt das Projekt dazu bei, antisemitismuskritische Perspektiven dauerhaft im Bildungs- und Kulturbereich zu verankern.
Ziel des Projekts ist es, über den Förderzeitraum hinaus nachhaltige Strukturen zu schaffen. Durch die Verstetigung der Fortbildungsangebote bei Spiegelbild, die Weitergabe des entwickelten Kulturkonzepts an kooperierende Einrichtungen sowie die breite Nutzung der erarbeiteten Materialien sollen die gewonnenen Erkenntnisse langfristig wirksam bleiben und kontinuierlich weiterentwickelt werden.
Projektinformationen
Laufzeit: Juli 2025 – Dezember 2029
Verantwortlich: Sophia Schmerfeld
Förderung: Hessisches Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz Landespolizeipräsidium
Referat Prävention
Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE)
Kooperationspartner: Pilotierung mit Schlachthof e. V. und weiteren Kulturpartnern.
