ungemütlich – eröffnungsrede zu wir in wiesbaden

Eröffnungsrede zu WIR in Wiesbaden – ɡəˈmyːtlɪç am 4.11.2016, Hendrik Harteman von Spiegelbild

 Sehr geehrte Damen und Herren, …

Liebe Alle,

schön, dass ihr heute Abend hergekommen seid um den Start der diesjährigen WIR in Wiesbaden Reihe – gemütlich und ungemütlich mit uns zu feiern.

Danke an die Ehrengäste und natürlich auch Christa Gabriel und Arno Gossmann für ihre Grußworte. Es macht uns immer wieder Mut zu wissen, dass WIR in Wiesbaden unterstützt, geschätzt und auch kritisch betrachtet wird. Ich möchte mich zu Beginn bei all denen bedanken, die als Organisationen und Einzelpersonen zu diesem hervorragenden Programm beigetragen haben. Danke an den Trägerkreis WIR in Wiesbaden. WIR in Wiesbaden lebt von der breiten Vernetzung von großen und kleinen Organisationen, von Ämtern und Institutionen, von Selbstorganisationen und Einzelpersonen. Sie alle wollen Wiesbaden zu einer Stadt der gelebten Anerkennung und Vielfalt machen. Dafür den allergrößten Dank in Stellvertretung des Kernteams an diesen Trägerkreis und seine Partner*innen. Danke auch an die Geldgeber*innen, die Partnerschaft für Demokratie und das Integrationsamt. Das natürlich auch als aktives Mitglied des Trägerkreises immer wieder wichtige Inputs liefert. Danke an das Team von Spiegelbild für alles und insbesondere für diesen Abend heute hier und natürlich Danke an die Menschen, die uns mit Häppchen, der Raumgestaltung, Marek an der Technik  usw. unterstützen. Danke an Dagmar Weckop und Frau Friedrich Preuß dafür, dass wir hier in der Mauritius Mediathek aufgenommen wurden.

Ich möchte 5 Personen gerne hervorheben um zu verdeutlichen mit welch großem Engagement diese Menschen arbeiten. Ohne Euch wäre es nicht möglich, 40 Veranstaltungen zu koordinieren, darzustellen und zu bewerben.

Zum ersten wäre da Michael Weinand. Er vertritt nicht nur den Stadtjugendring im Kernteam, er ist auch Projektkoordinator und koordiniert mit mir gemeinsam die Werbemaßnahmen. Das macht er für ein Honorar, das am Mindestlohn kratzt oder in manchen Jahren darunter liegt. Herzlichen  Dank für deinen Einsatz.

Wenn sie mal ein durchdachtes, flexibles und wunderschönes Design brauchen, www.designrichter.de. Lucie Richter macht seit 5 Jahren die Gestaltung für WIR in Wiesbaden, für einen Appel und ein Ei, manchmal auch für ein bisschen Geld. Herzlichen Dank Lucie, hier sitzen viele neue Auftraggeber, die dir auch an marktadäquates Honorar zahlen können, wir freuen uns auf die Vernetzung später beim Sekt. J

Danke an Judith …, die fast im Alleingang 10.000 Programmhefte und fast genauso viele Plakate verteilt hat. Zwei Menschen möchte ich besonders danken, ohne die WIR in Wiesbaden schlicht nicht existieren würde! Gabi Reiter und Christoph Rath.

Als ihr vor etwa zehn Jahren einen Antrag an das Bundesfamilienministerium formuliert habt, hat wohl keiner in der Stadt eine Ahnung davon gehabt wie erfolgreich ihr mit dem Förderprogramm, das heute „Demokratie leben“ heißt,  sein werdet. Wir alle müssen Euch danken, dass ihr eine Idee von Vielfalt zunächst nach Biebrich, dann auch in die Stadt getragen habt. Wir sind euch auch deshalb zu Dank verpflichtet, weil ihr Menschen bewegt, die wiederum andere bewegen. Ihr habt mit eurem Begleitausschuss Projekte und Programme auf den Weg gebracht, die Wiesbaden immer wieder aufrütteln und uns allen zeigen, wie das geht mit der Anerkennung von Vielfalt. Ohne eure Inhalte und euren langen Atem in dieser so wichtigen Arbeit „Demokratie leben – aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ könnte ich heute hier nicht stehen und könnten wir nicht gemeinsam WIR in Wiesbaden veranstalten. Was ihr für diese Stadt leistet, bedarf der Anerkennung, der unbedingten Wertschätzung und der dauerhaften Unterstützung.   Dieser Applaus ist für Euch, Gabi und Christoph.

Wie es so meine Art ist, komme ich nicht umhin eine paar Sätze zum Programm und zum diesjährigen Thema zu sagen. Sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich dabei etwas emotional werde. Das gehört zu meinem Job und das ist gut so. Ich möchte Sie alle dazu einladen die Anlässe, die WIR in Wiesbaden bietet für Begegnungen und kritische Gespräche zu nutzen.

Das fällt mir in diesem  Jahr besonders leicht. Gemütlich ist mein Thema. Ich mache es mir gerne auf der Couch bequem, ein gutes Glas Whisky oder ein warmer Tee, bißchen mit der Liebsten kuscheln, steh ich total drauf. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, WIR in Wiesbaden – gemütlich möchte mir und ihnen das nicht nehmen. Wir brauchen Ruhephasen, mal Chillen, ausruhen, bißchen Homing, bißchen  Coccooning, bisschen „Schöner Wohnen“.  Vom Tag ausspannen, wir brauchen das.

Das alles möchte Ihnen und mir niemand wegnehmen. Das Ungemütliche, das ja auch schon in unserer Ankündigung mitschwingt, ist vom Gemütlichen und Behaglichen gar nicht zu trennen.  Es geht dabei um unsere Gewohnheiten und Komfortzonen. Immer wenn wir es uns bequem machen, wissen wir, dass es Menschen gibt, die es weniger gut haben als wir selbst.

Worum es in diesem Jahr bei WIR in Wiesbaden geht,  ist nicht nur die besorgniserregende Trennung von drinnen und draußen oder der fatale Versuch von verschiedenen Seiten die Gesellschaft für sich zu vereinnahmen oder zu spalten. Es geht um Teilhabe und Ausschluss, und darum wie wir von gesellschaftlichen Mechanismen betroffen sind.  Es geht darum auf sich selbst zu schauen und seine eigenen Möglichkeiten zu erkennen. Es geht um das Gefühl der Sicherheit von jeder und jedem Einzelnen hier in unserer Stadt.

Wir möchten dazu einladen,  uns bewusst darüber zu werden, was wir tun und wie es andere betrifft. Ein Beispiel: Wenn wir das Wörtchen gemütlich in x Sprachen übersetzen und die Sprachen, die von rechts nach links geschrieben werden falsch herum gedruckt werden, dann ist das unachtsam von uns, extrem peinlich, weil uns gemeinhin eine gewisse Kompetenz unterstellt wird, und es kann verletzend wirken, auf Menschen die sich in dieser Sprache heimisch fühlen. Es ist ein wiederholtes Beispiel von gut gemeint aber schlecht gemacht, was Menschen mit Diskriminierungserfahrungen sehr häufig zu berichten wissen.

WIR in Wiesbaden – gemütlich möchte Anlässe bieten, um genau darüber nachzudenken. Wie passiert es immer wieder, dass wissentlich und unwissentlich Menschen herabgewürdigt werden? Welche Strukturen führen dazu, dass Menschen ausgegrenzt werden bzw. bleiben. Und vor allem: wir nichts dagegen tun.

Wir haben gelernt, dass es bei dem Einsatz für die Anerkennung von Vielfalt einen besonderen Augenmerk auf marginalisierte Gruppen geben muss. Paul Mecheril und Annita Kalpaka, die selber schon Mitglied im Trägerkreis war, schreiben es uns immer wieder in ihren klaren Texten, wir müssen Sprachlosen eine Stimme zu geben und Nicht-Sichtbare sichtbar zu machen. Im letzten Jahr wurde durch die Kooperation mit der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland deutlich, wie viel Mut es bedarf sich als Einzelne oder als Gruppe, die Tag für Tag Diskriminierungen ausgesetzt sind, nach draußen zu gehen und für die eigenen Rechte zu kämpfen.  WIR im Trägerkreis haben uns vorgenommen diesen Weg zu unterstützen.

In diesem Jahr haben wir den Schwerpunkt gewählt, die Situation der Sinti und Roma sichtbar zu machen. Es ist für mich persönlich unfassbar, dass nach einer jahrhundertelangen Geschichte von Diskriminierung und Ausgrenzung tatsächlich um herabwürdigende Begriffe gestritten wird. Wir möchten deutlich machen, wie die Geschichte der Sinti und Roma in Europa war und ist. Dazu zeigen wir die Ausstellung „Der Weg der Sinti und Roma“,  den Film „Newo Zero“ den Vortrag „Diskriminiert, Ausgegrenzt und verfolgt“ und veranstalten mit dem Kulturclub Biebrich einen Gitarrenabend. Diese Veranstaltungen laden zur Begegnung und zum Nachdenken ein. Zum Nachdenken über meine bzw. unsere Privilegien und die Verantwortung die damit verknüpft ist.

WIR in Wiesbaden – gemütlich möchte Anlässe zur Begegnung schaffen. So einfach und harmlos es klingt, so politisch ist unser Anliegen. Gibt es nicht genug Anlässe sich zu treffen bei irgendeinem Fest, einer Veranstaltung in unserer Stadt. Warum legt WIR in Wiesbaden einen Wert darauf, das noch einmal zu betonen?

Es geht darum zu verstehen, dass auch die super vernetzte Politikerin und der umtriebige Bildungsreferent nicht davor gefeit sind, in einer Filterblase zu leben. Alle Information, Haltung und Meinung geht durch meinen persönlichen Filter, andere Perspektiven, Meinungen und Haltungen werden erst gar nicht reingelassen in meine schöne, feine, private, gemütliche Welt. Das funktioniert im „real life“ etwa so, dass wir nur Menschen treffen, die in etwa das ähnliche Milieu, den ähnlichen Bildungsgrad und vergleichbare Vorlieben haben. Kontrovers wird es vielleicht noch auf der Arbeit, wenn wir mit Menschen den Tag verbringen müssen, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Im Internet ist das noch leichter, die Informationen unserer „news-feeds“ sind auf uns angepasst , ich erhaltez. Bsp. ständig Nachrichten über Mainz 05, woher Kicker, google und der WK das nur wissen? Bei Facebook erscheinen uns nur Meldungen als Nachrichten, die durch unseren Betätigungsfilter und durch den unserer Freunde passen. Das heißt, wir bekommen die Informationen die wir wollen und die zu uns und unseren Konsumgewohnheiten passen. Das prägt unser Weltbild. Und was nicht in dieses Weltbild passt, kommt auch nicht rein. Entweder technisch, weil es uns nicht auf Tablet und Smartphone angezeigt wird oder im real life in unseren eigenen Ansichten und Haltungen. Wenn wir keine Impulse von außen mehr erhalten, die nicht unserer eigenen Filterblase entsprechen, sprich was uns genehm, angenehm und behaglik ist, was wird dann aus dem das draußen bleibt? 

Cocooning, Homing etc. kann ich super verstehe . ich machs mir auch gerne in meinen Puschen bequem und schau mir ne Serie auf dem Tablet an. Es ist einfach entspannend und erholend nach ereignisreichen Tagen in der Stadt. So geht es sicher den meisten hier im Raum. In unserem Pressegespräch haben wir vom Kernteam des Trägerkreises „WIR in Wiesbaden“ gesagt, das Programm müsste eher ungemütlich heißen.  Die Behaglichkeit weicht doch häufig einem Schrecken, was alles dort draußen passiert, was alles möglich ist an Gewalt und Verachtung.

Es scheint bezogen auf unsere Situation auf der Couch als auch bezogen auf die Situationen im Fernseher und in der Zeitung ein Korrektiv zu fehlen. Es scheint eine offene, kritische aber respektvolle Streitkultur zu fehlen.

Das Bild aus der Kneipe, das wir in unserer Einladung strapaziert haben hat einen Haken. Viel zu viele Aussagen bleiben heute unwidersprochen und kreieren dadurch feste Bilder über etwas das noch nie fest war. Eine Medenbacherin heiratet keinen Nauroder, Rambacher gehen nicht nach Sonnenberg und Dotzheimer haben mit Biebricherinnen nichts zu tun. Was ist aber, wenn das doch einmal passiert? Wird es dann ungemütlich?  Wir dann unser gemütliches Beisammensein komplett in Frage gestellt?

Diese Bilder über die vermeintlich anderen werden erst ins Wanken gebracht, wenn jemand dagegen spricht. Wenn es Widerstand gibt. Eine zünftige Wirthausdiskussion lebt von den verschiedenen Standpunkten, von Rede und Gegenrede, die offen, konstruktiv und in den allermeisten Fällen respektvoll ausgetauscht oder auch mal ausgeschrien werden.  Das ist die Form der Begegnung um die es uns geht.

Wir wünschen uns nicht nur in den Pinten der Stadt sondern überall eine Form der Auseinandersetzung, die verschiedene Perspektiven präsentiert. Vielfalt lebt von verschiedenen Haltungen und Perspektiven. Diese müssen offen und öffentlich werden. Es braucht gestaltete Anlässe sich wirklich und tatsächlich zu begegnen, damit  Meinungen nicht nur ausgetauscht und präsentiert werden, sondern am Ende auch mal geändert, weiter entwickelt und geschärft werden können. Wir sind fest davon überzeugt, dass nur diese Weiterentwicklung an Debatten und Streitkultur unser Miteinander demokratisch werden lässt. Nur im gegenseitigen Verstehen und Zuhören kann es weiter gehen.

Wir möchten darauf hinweisen, dass es in dem besagten demokratischen Miteinander nunmal Menschen mit mehr und mit weniger Möglichkeiten der Teilhabe / oder des Einflusses gibt. Und es ist die Aufgabe derjenigen, die mehr haben und mehr können sich dessen bewusst zu werden und darüber nachzudenken, wie sie mit ihren Privilegien umgehen möchten. Macht folgt der Gewohnheit, und wenn es immer so weiter geht wie wir es gewohnt sind (in unserer jeweiligen Filterblase), hat das Folgen, über die wir uns im Klaren sein sollten.

Konkret heißt das meiner Meinung nach, ich sollte mir die Frage stellen: „Geht es einfach so weiter und erlaube ich mir den Fetisch meine Abendessen nach verfolgten und erniedrigten Minderheiten zu nennen?“ oder: habe ich nicht die Möglichkeit, das Privileg oder sogar die Verantwortung Minderheiten vor der alltäglichen Erniedrigung zu schützen?

Diese Frage muss sich zunächst jede*r Einzelne stellen und selber beantworten. Wir bei WIR in Wiesbaden  spielen gern mit Worten, auch wenn das manchmal unverständlich und albern klingt, „draußen nur Kännchen“.. „gemütlich“, 123heimisch, usw. . Sprache ist ein gutes Beispiel dafür, was wir mit dem Thema in diesem Jahr ansprechen möchten. Nur weil wir das Privileg haben mit Worten zu spielen, heißt das doch nicht, dass wir das tun müssen. Es heißt vor allem nicht, dass wir nicht achtsam sein können dafür, wie das was wir tun und schreiben, andere verletzt und sie immer wieder zu Randständigen macht. Ein Beispiel dafür, wie wir eingreifen und  achtsam im Alltag sein können, ist der wunderschöne Begriff „Schokokuss“. Diesen Begriff zu nutzen und ihn vor allem auch öffentlich im Sprachgebrauch zu etablieren bedeutet aktiver Schutz für von Rassismus betroffene Menschen. Er heißt, ich denke auch an die, die von gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen werden bzw. diskriminiert werden. Offensichtlich fällt es schwer, das zu akzeptieren, Sprache ist dabei aber eingebettet in gesellschaftliche und vor allem politische Strukturen. Weil ich die Möglichkeit habe mein Reden zu ändern, habe ich auch die Möglichkeiten mein Handeln zu ändern.

Es geht darum die Perspektiven von anderen zu sehen, zu erkennen und auch an sie zu denken. Offensichtlich haben viele Menschen Angst vor dem was gerade an Veränderung passiert. Das ist nur zu verständlich. Aber das darf nie dazu führen, dass Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus verharmlost und nicht mehr als das gesehen wird, was es ist: Eine Verletzung der Würde des Menschen! Die Amerikaner und die deutschen Altnazis und Neu-Altdemokraten haben es hier in Wiesbaden in die hessische Verfassung geschrieben: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Alle haben das Recht nicht diskriminiert zu werden. Das gilt insbesondere für verfolgte Minderheiten und alle Menschen, die von historisch gewachsenen Ungleichbehandlungen betroffen sind. Punkt!

Es braucht also Schutzräume für Menschen und Gruppen die von Diskriminierung betroffen sind. Wir in Wiesbaden versucht das: So wie es fünf Frauenorganisationen gemeinsam mit Spiegelbild und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung bei der Veranstaltung „In unseren eigenen Worten“ tun, so wie es der Stadtjugendring macht, indem er die Selbstorganisation von Jugendliche ohne Grenzen unterstützt. So wie Gabi und Christoph es machen, indem sie verschiedene Sinti und Roma Veranstaltungen bei WIR in Wiesbaden machen.  Für Jugendliche gibt es die vom Jugendamt nach Wiesbaden geholte Ausstellung „Mensch, du hast Rechte“ im Luisenforum.

Der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit beschäftigt sich selbstreflexiv mit Antisemitismus und mit der wichtigen Betrachtung von „Abschiebung als Kindeswohlgefährdung“ .

Es wird wieder einen SchLau Workshop geben zum Abbau der Diskriminierung  von Menschen mit schwul, lesbischer, bi, trans und inter Sexualitäten. 

…und viele weitere insgesamt 40 Veranstaltungen, die Anlässe zur Selbstbetrachtung und Begegnung liefern.

Ein letztes Anliegen habe ich noch, dass ich gerne mit Euch und Ihnen teilen möchte.

Auch diejenigen, die sich für andere einsetzen, haben das Recht und den Anspruch vor Beleidigung und Hass bewahrt zu werden. Das sage ich insbesondere hier heute Abend an alle Anwesenden. Wenn diejenigen, die sich für andere einsetzen und für eine rassismuskritische Auseinandersetzung mit unserem Alltag engagieren keine Solidarität mehr erhalten und sich bei Facebook, per Email oder real Anfeindungen aussetzen müssen, dann ist dies das genaue Gegenteil vom Einsatz für Anerkennung und Vielfalt.

Der gemeinsame Einsatz für Anerkennung und Vielfalt muss auch in Wiesbaden mit dem Schutz vor Diskriminierung und mit praktischer Solidarität verknüpft sein. Es genügt nicht auf einer Demonstration die Fahne zu schwenken, manchmal muss sie auch am Rathaus hängen. Es genügt nicht den „kein Hass Button“ zu drücken, man muss Menschen auch aktiv vor einem Shitstorm bewahren und öffentlich Rückendeckung geben. Wenn wir weiterhin gemeinsam aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit kämpfen wollen, müssen wir klar benennen was menschenverachtend ist, und wie die Alternative dazu aussieht. Rassistische Strukturen müssen klar benannt werden, antisemitische Aussagen müssen identifiziert werden, … menschenverachtende Politiken müssen entlarvt werden und nationalistische Parteien müssen als das benannt werden was sie sind: ein Versuch die Gesellschaft zu spalten. Auch wenn einzelne Parteimitglieder sich bei Veranstaltungen anbiedern, muss doch klar sein, für welche Partei sie stehen und was diese will. Ich finde, da könnten wir als Stadtgesellschaft ruhig ungemütlicher werden.

Die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels Carolin Emke hat  mein Anliegen wie keine andere auf den Punkt gebracht. Ich zitiere:

Es ist das Ziel der Populist*innen und Fanatiker*innen, dass nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, dass nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, dass nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule »Lobby« oder »Parallelgesellschaft«, sie wollen, dass nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als »zornig« diffamieren können, sie wollen, dass sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als »humorlos« abwerten können.

In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.

Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen.

Deswegen lässt sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an »die Politik« delegieren. Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.

Was wir tun können?

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht.

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.

Zitatende

Wir möchten alle einladen mit uns gemeinsam anzufangen über unsere jeweils eigenen Privilegien und unsere persönliche Verantwortung nachzudenken und darüber, wie alle Menschen sich in Wiesbaden  sicher, heimisch und vielleicht sogar gemütlich fühlen können.

 Danke Ihnen fürs Zuhören!

 

 

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